
Freiluftkino im Sertão
Liebe Alle,
Gerne möchten wir euch / Ihnen heute von den Ereignissen der letzten Monate berichten: dem Freiluftlino, das wir im Sertão organisieren konnten, den neuesten Entwicklungen rundum den Film Das Meer des Pilgers Antonio und unsere geplanten Vorstellungen in Ettlingen.
Im April und Mai waren wir wieder im Sertão. Es war dieses mal eine Reise mit vielen Unwegsamkeiten und einer sehr hartnäckigen Darminfektion, die wir uns zuzogen und die uns mehr als eine Woche unserer kostbaren Zeit kostete und viel Kraft. Dennoch - der Sertão zog uns wieder in seinen Bann.
Regenzeit: der Sertão war grün! Während Ostern hatte es dort ausgiebig geregnet. Die Luft war würzig von all dem frischen Grün und allen Kräutern, überall gab es kleine frische Blümchen, und man hörte Vögel singen und umherfliegen. Während unserer vorigen Reisen in der Dürrezeit erzählten die Menschen dort oft, was für ein Paradies der Sertão für kurze Zeit sei, nachdem es geregnet hatte - jetzt konnten wir dies mit all unseren Sinnen fühlen, riechen und schmecken!
Wir besuchten auch wieder das Dörfchen der alten Frau Otacila, die im Film mit ihrer unbändigen Kraft Feuerholz versammelt: dort gab es jetzt die unterschiedlichsten Kaktusfrüchte, die wir noch nie im Leben gegessen hatten, wir bekamen gebratene Maiskolben und sahen Wassermelonen im überfluss. Und wir verliessen das Dorf reich beschenkt mit Kürbissen und frischem wildem Honig - was für eine andere Welt war dies für einige Monate des Jahres. Um sich dann wieder ins völlige Gegenteil umzukehren...
In den darauffolgenden Wochen konnten wir noch einige neue Szenen filmen und auch mit Musikern von dort arbeiten, womit der Film fertiggestellt werden kann.
Und, das wichtigste: wir besuchten abermals die Dörfer, in denen wir vor gut 2 Jahren gefilmt und mit den Menschen gelebt hatten. Dieses Mal kamen wir zurück mit einem Generator und einem Beamer, um bei Einbruch der Dunkelheit die Filme zu zeigen, die wir dort gedreht hatten.
Freiluftkino im Sertão
An einem Wochenende kehrten wir zurück in die beiden Dörfer Rasinho und Rio do Vigário. Bei einem kleinen Kirchlein mit weissgetünchten Wänden war unsere erste Vorstellung. Wir machten eine Runde entlang aller Häuser, um die Dorfbewohner nochmals einzuladen, und sie kamen bei Sonnenuntergang, zu Musik von Landinho Pé de Bode (darüber später mehr). Alle hatten sie ihre schönsten Kleider an, denn so etwas gab es bei ihnen im Dorf nicht jeden Tag! Bänkchen und Stühle wurde herangetragen und wir erzählten, dass wir uns vor 2 Jahren bei ihnen so zuhause gefühlt hatten, dass wir uns dafür nun von Herzen bedanken wollten. In der Dunkelheit konnten wir 72 Menschen zählen - beinahe das gesamte Dorf. Es wurde viel gelacht und es herrschte eine ausgelassene Stimmung - plötzlich waren sie selbst die Hauptpersonen und sahen sich lebensecht an der Kirchenwand. Beim Kuchenessen nach dem Film - im Stockdunkeln, nur unter den Scheinwerfern eines Autos- erzählten uns einige Menschen, dass dies das grösste Fest jemals in ihrem Dorf gewesen sei. Otacila tanzte so ausgelassen, dass Mendel es sich nicht entgehen lassen konnte, zum ersten Mal in seinem Leben mit einer Urgrossmutter zu tanzen!
Es gab mehrere Menschen, von denen wir vorher nicht wussten, ob sie wohl noch lebten, 2 Jahre nach unserer letzten Reise. Im zweiten Dorf war das der Fall: eine alte Frau, die wir beim Kaffeemachen in ihrer Küche gefilmt hatten, war ein Jahr zuvor gestorben. Wir hatten vor der Filmvorführung mit ihrer Familie gesprochen und ihnen von der Szene mit ihrer Mutter und Oma erzählt. Sie wollten sie alle gerne sehen. Für viele war dies ein sehr bewegender Moment, ihre verstorbene Mutter, Oma, Tante, Dorfbewohnerin plötzlich so leibhaftig in deren Küche vor sich zu sehen. Es gab Tränen, und auch murmelten einige während dem Schauen "... ja, genau so war sie, so hat sie geredet...". Dennoch gab es auch hier viel Heiterkeit und Ausgelassenheit beim Schauen des Films, und oft spürten wir beim späteren Abschied wieder diese Wärme und Herzlichkeit der Menschen, die wir so in unser Herz geschlossen haben.
Das Freiluftkino übertraf unsere Hoffnungen und Erwartungen. Doch was noch am Schönsten war, war das Gefühl, nach 2 Jahren Abwesenheit wieder zu alten Freunden zurückgekehrt zu sein. Man hatte uns nicht vergessen; überall waren wir auf eine sehr herzliche Art wieder willkommen, es gab strahlende Gesichter, und alle waren wir aufrichtig glücklich, einander wiederzusehen. Die Menschen waren überwältigt, dass wir unser damaliges Versprechen, zurückzukommen, tatsächlich wahr machten: hatten wir doch damals gesehen, wie "schwierig, dreckig und ohne Komfort" das Leben im Sertão war. Viele von ihnen hatten sich unsicher gefühlt, weil sie wussten, dass wir einen Lebensstandard gewöhnt waren, den sie uns unmöglich bieten konnten. Doch jetzt wurde deutlich, wie unwichtig dies war: wir waren Freunde geworden und kehrten zurück - und versprachen noch dazu, dass dies nicht das letzte Mal sein sollte.
Musik
Mehrere Tage haben wir auch -wie oben schon angedeutet- mit Musikern, die ganz in der Nähe des Stausees wohnen, zusammengearbeitet.
Unter anderem mit Landinho Pé de Bode, einem pensionierten Fischer, der schon von Kindesbeinen an ein altertümliches Akkordeon mit 8 Bässen spielt. Ein Instrument, das in der Zwischenzeit schon lange nicht mehr produziert wird; doch glücklicherweise gibt es im Sertão noch einige wenige Menschen, die es reparieren können, wenn etwas kaputt ist. Landinho war bis vor einigen Jahren ausserhalb seiner Region noch völlig unbekannt -bis ein junger, an Volksmusik interessierter und engagierter Musikproduzent ihn spielen hörte. Seither gibt Landinho jedes Jahr ein Konzert auf dem historischen Marktplatz von Salvador, hat einen landesweiten Preis für traditionelle Musik gewonnen und kann sich mit seiner Musik noch etwas zu seiner Rente hinzuverdienen.
In Mendels Film spielt er seine Musik, erzählt über die Geschichte von Canudos und rudert uns über den Stausee, auf der Suche nach den Ruinen der alten Kirche des unter 13 Metern grünen Wassers versunkenen Canudos.
Einen kurzen Film über Landinho und sein Akkordeon kann man auf
www.youtube.com/singingeye sehen.
Landinho und seine Frau auf ihrer Veranda. Sie knüpft ein Fischernetz.
|
Auch haben wir mit der Banda de P’fanos gearbeitet - frei übersetzt, der Indianischen Flötenband. Ein Vater mit seinen 3 Söhnen, allesamt Fischer auf dem Stausee, die unter anderem während religiöser Feste tagelang durch die Strassen ziehen und Musik auf selbstgefertigten Flöten & Trommeln machen. Auch dies wiederum als Nebenverdienst. Für uns etwas ganz Besonderes und eine Bereicherung, mit Menschen über Musik zu kommunizieren und Musik zu machen, die so eine andere Verbundenheit damit haben als wir mit unserer oft "verkopften" Art, Musik zu erlernen.
Mit all dieser Musik war die Atmosphäre des Films schon auf einem guten Weg...
Nach unserer Rückkehr aus Brasilien hat Mendel sich sogleich ans Montieren und Schneiden des neuen Filmmaterials gemacht, denn 4 Wochen später wurde der Film in seiner neuen Form schon in Zürich im Kulturhaus Helferei gezeigt. Das gab uns die Gelegenheit, die neue Erzählstruktur am Publikum zu "testen". Seitdem ist Mendel viel mit dem Feinschliff beschäftigt, und der Film nähert sich seiner endgültigen Version. Der Titel davon ist Das Meer des Pilgers Antonio.
Ein kurzer Trailer ist auch schon zu sehen auf:
www.youtube.com/singingeye
Photoausstellung und Filmvorführung in Ettlingen
Zum Schluss möchten wir euch / Sie ganz herzlich einladen:
In der Stadtbibliothek Ettlingen wird es vom
12.10 bis 20.11 eine Photoausstellung von Susannes Photos aus dem Sertão mit dem Titel
Gesichter der Dürre geben.
Am
5. November um 20 Uhr gibt es die Gelegenheit, Mendels Film
Das Meer des Pilgers Antonio zu sehen. Wir dürfen dann zu Gast sein im Grünhaus der Stadtwerke Ettlingen.
Von Susannes Ausstellung gibt es keine offizielle Vernissage, doch wir werden beide am 5. November anwesend sein und würden uns sehr freuen, euch/ Sie dort zu sehen.
Ganz herzliche Grüsse
und ein Geniessen der Farben des Herbstes,
wünschen
Susanne Dick & Mendel Hardeman
September 2010
Auch dies ist der Sertão - wir konnten zuerst unseren Augen nicht trauen...